Missionar*innen – Die derzeitigen Influencer*innen der katholischen Kirche – Zehn Thesen für ein katholisch verantwortbares Verständnis von Mission

Man könnte meinen, einige Akteur*innen der katholischen Kirche in Deutschland partizipieren nicht am gegenwärtigen Lifestyle und finden sich also nicht in der individualisierten und digitalisierten ,Welt von heute‘ zurecht. Seit geraumer Zeit sind allerdings Missionar*innen in Deutschland präsent, die als kirchliche Influencer*innen auftreten. Das sind (junge) Christ*innen, die den christlichen Glauben verkünden und andere Menschen hiervon überzeugen möchten. 

Als Beispiele können die Verfasser*innen des Mission Manifests, die Mission zur Priorität Nummer eins der Kirche machen möchten, sowie die FOCUS Missionar*innen, die Studierende an einigen Universitäten zu Jünger*innen ausbilden, genannt werden. Solche kirchlichen Influencer*innen bieten beispielsweise ein ‚neues‘ Konzept an, um den christlichen Glauben zu leben und weiterzugeben, verkaufen ihre Ideen in Büchern oder in anderen Produkten, wie Kleidung oder Musik-CDs[1], sind mit einer professionellen und modernen Internetpräsenz[2] ausgestattet und finanzieren sich durch Spenden[3]

Mission ist derzeit also nicht nur in diversen Freikirchen ein aktueller und angefragter Begriff. Vielmehr ist die Tendenz zu beobachten, dass Mission innerhalb der katholischen Kirche eine Renaissance erlebt. 

Einige derzeitige Missionsbewegungen, wie beispielsweise die Verfasser*innen des Mission Manifests oder die FOCUS Missionar*innen, verarbeiten in ihren missionarischen Konzepten nur partiell das Verständnis von Mission des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen Akteure sich angesichts der vielfältigen Anfragen an die Missionstätigkeit der Kirche und der Krise ihrer Glaubwürdigkeit veranlasst sahen, eine neue Begriffsdefinition von Mission zu erarbeiten. Deshalb werden im Folgenden zehn Thesen für ein verantwortbares Verständnis von missionarischem Handeln der Kirche im 21. Jahrhundert lanciert, die der Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils gerecht werden. 

1. Missionarische Bewegungen müssen die kirchliche Missionsgeschichte aufarbeiten und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Mission kann nur dann gelingen, wenn die amtierenden kirchlichen Vertreter*innen einerseits eine Aufarbeitung der Geschichte kirchlicher Missionstätigkeit forcieren und sich andererseits zu ihrer historischen Schuld bekennen:[4] „Ohne diese Anstrengung ist die christliche Mission heute in Europa weder glaubwürdig noch kann sie auf gesellschaftliche Akzeptanz hoffen.“[5] Darüber hinaus ist eine engagierte Reflexion der historischen Missionstätigkeit von zentraler Bedeutung dafür, zu verhindern, dass sich das oftmals gewalttätige sowie unterdrückerische Agieren damaliger Missionar*innen wiederholen könnte.

2. Missionarische Bewegungen müssen die Religionsfreiheit aller Menschen beachten.

Mission kann lediglich praktiziert werden, wenn die Religionsfreiheit aller Menschen gewahrt bleibt. Laut Joseph Ratzinger ist die „Religionsfreiheit […] die Bedingung dafür, dass Mission überhaupt stattfinden kann“[6]. Die Mitwirkenden des Zweiten Vatikanischen Konzils haben in der Erklärung ,Dignitatis humanae‘ von 1965 die Religionsfreiheit der Menschen lehramtlich anerkannt.[7] Außerdem müssen missionarische Bewegungen die Freiheit ihrer Adressaten berücksichtigen, also die Freiheit derjenigen, die sie missionieren wollen. Folglich muss Mission auch als Angebot aufgefasst werden, zu welchem sich die Menschen frei verhalten können. 

3. Missionarische Bewegungen müssen sich zu den konkurrierenden Wahrheitsansprüchen der einzelnen anderen Religionen verhalten. 

Mission muss sich mit verschiedenen Wahrheitsansprüchen der einzelnen Religionen, die in Konkurrenz zueinanderstehen, auseinandersetzen. Die Akteure des Zweiten Vatikanischen Konzils haben in ihrer Erklärung ‚Nostra aetate‘ von 1965 herausgestellt, dass „[d]ie katholische Kirche […] nichts von alledem ab[lehnt], was in diesen Religionen wahr und heilig ist.“[8] Das bedeutet, dass der proklamierte Wahrheitsanspruch einer anderen Religion nicht per se negiert wird, sondern Menschen verschiedener Religionen gemeinsam nach der geoffenbarten Wahrheit suchen.  

4. Missionarische Bewegungen müssen Mission als Dialog auf Augenhöhe und als wechselseitigen Lernprozess verstehen. 

Durch die Relativierung des eigenen Wahrheitsanspruchs kann Mission nicht länger als einseitiges Belehren verstanden werden. Vielmehr ist Mission als Dialog mit anderen Menschen aufzufassen, der nicht von einer „eindeutigen Trennbarkeit von Sendern und Empfängern“[9] gekennzeichnet ist. Obwohl Missionar*innen diejenigen sind, die das Evangelium verkünden, können auch sie zeitgleich „selbst intensiver evangelisiert werden durch die Begegnung mit anderen religiös suchenden und fragenden Menschen“[10].

5. Missionarische Bewegungen müssen die verschiedenen Kulturen berücksichtigen. 

Mission kann nur dann gelingen, wenn bei der Missionstätigkeit die jeweiligen kulturellen Kontexte, wie zum Beispiel das Recht, die Sprache oder die Ethik einer entsprechenden Kultur, beachtet werden. Deshalb sind Missionar*innen als ‚Übersetzer‘ der christlichen Botschaft in eine Kultur zu begreifen. Es kann aber auch Bestandteile einer Kultur geben, welche unvereinbar mit der christlichen Botschaft sind. Ein Anliegen der Missionar*innen muss dann sein, sich für eine Veränderung dieser Missstände, wie beispielsweise die Ausbeutung von Menschen, einzusetzen. 

6. Missionarische Bewegungen dürfen Mission nicht als Selbstzweck zur Mitgliedergewinnung verstehen, sondern müssen sie als Antwort auf das angebrochene Reich Gottes auffassen. 

Das Ziel missionarischen Handelns ist nicht die Ausbreitung einer kirchlichen Institution oder die Steigerung der Mitglieder*innenzahl derselben, sondern die Antwort auf das mit der Offenbarung Gottes in Jesus von Nazareth angebrochene Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit. So schreiben auch die Teilnehmer des Zweiten Vatikanischen Konzils in der dogmatischen Konstitution über die Kirche ‚Lumen Gentium‘ über die Aufgaben und die Funktion derselben: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“[11] Demnach sind Sakramente als „Zeichen und Instrumente für Gottes Heilshandeln“[12] aufzufassen und die Bezeichnung der Kirche als Sakrament zeigt somit, dass diese nicht identisch mit dem Reich Gottes ist, „aber bezeugt es und verwirklicht gerade so ihre missionarische Identität“[13]

7. Missionarische Bewegungen müssen Mission als Fundament aller drei Grundvollzüge (Merkmale der Kirche) auffassen, welches diese miteinander verbindet.  

Mission darf ekklesiologisch nicht nur als Bestandteil des Grundvollzugs ‚Martyria‘ (Zeugnis für den Glauben und Verbreitung desselben) begriffen werden, sondern muss das Fundament aller Grundvollzüge bilden. Sowohl im Grundvollzug ‚Martyria‘, als auch in ‚Leiturgia‘ (Feier der Liturgie) sowie ‚Diakonia‘ (Dienst am Menschen) ereignet sich gleichwertig Mission.[14] Besonders der Wesensvollzug ‚Diakonia‘ darf nicht um dessen missionarische Dimension beraubt werden. Dennoch ist es wichtig, dass diakonisches Handeln nicht dazu instrumentalisiert wird, Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen. Papst Benedikt XVI. schreibt in seiner Enzyklika ‚Deus caritas est‘ von 2005: „Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen und nur einfach die Liebe reden zu lassen.“[15]

8. Missionarische Bewegungen müssen Mission als Auftrag an alle Christ*innen betrachten. 

Mission stellt das Fundament der Grundvollzüge und somit die Identität der Kirche dar. Deshalb ist sie nicht ausschließlich eine Aufgabe beispielsweise für Angehörige von Missionsorden oder einzelne Kleriker. Mission ist ein Auftrag an alle Christ*innen. Außerdem erfolgt missionarisches Handeln nicht ausschließlich in bestimmten Regionen, zu bestimmten Zeiten oder mit festgelegten Methoden, vielmehr haben Christ*innen die Möglichkeit, in vielfältiger Weise jederzeit missionarisch wirksam zu werden. 

9. Missionarische Bewegungen müssen sich besonders den mittellosen und ausgegrenzten Menschen annehmen.

Mission kann vor allem den Menschen am sogenannten ‚Rand der Gesellschaft‘ eine Hoffnungsperspektive geben, weil sich Gott im kirchlichen Verständnis ohne Unterschied allen Menschen zuwendet. Die Sorge um mittellose und ausgegrenzte Menschen beschreibt eine genuine Aufgabe der Kirche. Sie meint nicht nur die Verkündigung der christlichen Botschaft oder die Feier der Eucharistie, sondern die Sorge um den ganzen Menschen. Dies beinhaltet vor allem eine gesellschaftliche und politische Dimension, wie beispielsweise die Verbesserung der medizinischen Versorgung oder die Bildung jener Menschen. Papst Franziskus betont dies, indem er Folgendes in seinem apostolischen Schreiben von 2013 notiert: „Mir ist eine ,verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“[16]

10. Missionarische Bewegungen müssen sich kritischen Anfragen des gesellschaftlichen und theologisch-akademischen Diskurses stellen sowie die Erkenntnisse der akademischen Theologie und des Lehramts aufgreifen.

Mission kann nur dann gelingen, wenn missionarische Bewegungen die gegenwärtigen theologischen Erkenntnisse des Lehramts, also des Gesetzgebers der Kirche, sowie der akademischen Theologie in ihre Missionsarbeit integrieren. Darüber hinaus müssen sich missionarische Bewegungen den teils kritischen Anfragen des gesellschaftlichen und theologisch-akademischen Diskurses stellen und sich zu diesen argumentativ verhalten. Eine theologiefeindliche und nur auf Erfahrungen der Missionar*innen basierende Missionstätigkeit darf nicht praktiziert werden. 

Wenn Mission also die Identität der Kirche darstellt und die Kirche Mission glaubwürdig und verantwortbar im 21. Jahrhundert vollziehen möchte, müssen die Entscheidungsträger derselben zusammenfassend forcieren, dass die einzelnen kirchlichen Influencer*innen den Missionsbegriff des Zweiten Vatikanischen Konzils in ihren Konzepten konsequent verarbeiten.

  1. Vgl. https://shopfocus.org/, Zugriff am 28.05.2020; https://shop.gebetshaus.org/, Zugriff am 07.04.2020.
  2. Vgl. https://www.focus.org/, Zugriff am 07.04.2020; https://gebetshaus.org/, Zugriff am 07.04.2020.
  3. Vgl. https://www.focus.org/give/ways-to-give, Zugriff am 28.05.2020; https://gebetshaus.org/unterstuetzen/#c215, Zugriff am 07.04.2020.
  4. Vgl. Johann FIGL, ,Mission‘ als ein Schlüsselthema der Praxis von Religionsgemeinschaften und Kirchen in Europa, in: Franz HELM / Martin STOWASSER (Hg.), Mission im Kontext Europas, Interdisziplinäre Beiträge zu einem zeitgemäßen Missionsverständnis, Wiener Forum für Theologie und Religionswissenschaft, vol. 3, Göttingen, Wien 2011, 85–92, 89. 
  5.  HELM, Wie willkommen sind die Verkünder des Evangeliums? (wie Anm. 4), 30. 
  6. Joseph RATZINGER, Konzilsaussagen über die Mission außerhalb des Missionsdekrets, in: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft 2005 (89) 493–504, 257.
  7. Vgl. DH 2.
  8. NA 2.
  9. Ralf MIGGELBRINK, Mission im katholischen Verständnis, in: Jutta KOSLOWSKI / Andreas KREBS (Hg.), Mission zwischen Proselytismus und Selbstabschaffung, Ökumenische Rundschau, vol. 155, Leipzig 2017, 137–149, 146. 
  10. Ebd.
  11. LG 1.
  12. Peter WALTER, Geistes-Gegenwart und Missio-Ekklesiologie, Perspektiven des II. Vaticanums, in: Thomas DIETRICH / Michael QUISINSKY / Uli ROTH / Tobias SPECK (Hg.), Syngrammata, Gesammelte Schriften zur Systematischen Theologie, Freiburg, Basel, Wien 2016, 300–312, 307.
  13. Franz GMAINER-PRANZL, Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit als zentrale Dimension der Mission, Eine responsiv-theologische Perspektive, in: Franz HELM / Martin STOWASSER (Hg.), Mission im Kontext Europas, Interdisziplinäre Beiträge zu einem zeitgemäßen Missionsverständnis, Wiener Forum für Theologie und Religionswissenschaft, vol. 3, Göttingen, Wien 2011, 115–130, 126.
  14. Ursula NOTHELLE-WILDFEUER, ,… bis an die Grenzen‘, Mission und Katholische Soziallehre, in: George AUGUSTIN / Sonja SAILER-PFISTER / Klaus VELLGUTH (Hg.), Christentum im Dialog, Perspektiven christlicher Identität in einer pluralen Gesellschaft, Theologie im Dialog, vol. 12, Freiburg 2014, 169–181, 175. 
  15. DCE 31c.
  16. EG 49.

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