Jesus in der Kunst (Onto-Theo-Logie)

Einordnung: In diesem Essay, der als Gedankenspaziergang verstanden wird, sollen zentrale Denkmodelle der ,Christo-Logie‘ aus der Zeit der ,Onto-Theo-Logie‘ (6. – 18. Jahrhundert) anhand der Betrachtung dreier Bilder vorgestellt werden. 

Der als jüdischer Wanderprediger auftretende Jesus von Nazareth, der den Anbruch der Herrschaft JHWHs mit seinem Wirken verbindet, ist ein beliebtes Motiv in der Kunst. Mittels Kunst können die verschiedenen Vorstellungen der jeweiligen Zeit von Jesus von Nazareth gut beschrieben werden.

Nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist das Denken und somit das Wahrheitsbewusstsein der jeweiligen Zeit an den Kontext der entsprechenden geschichtlichen Situation gebunden.[1] Diese Beobachtung erklärt die verschiedenen Darstellungen von Jesus von Nazareth in der Kunst sowie in der Literatur. 

All jene, die Christo-Logie betreiben, haben somit die Aufgabe, historisch zu rekonstruieren, wie Menschen über Jesus von Nazareth dachten und wie dieses Denken die Geschichte beeinflusste – ohne diese Denkweisen zu disqualifizieren –, um die daraus resultierenden Erkenntnisse fruchtbar für gegenwärtige Diskurse um Jesus von Nazareth zu machen: Es ist nicht der Anspruch dieses Essays eine Geschichte der Christo-Logie vorzulegen – diese ist bereits oft dargelegt worden – , sondern kursorisch eine Christo-Logie der Geschichte anhand einzelner ausgewählter[2] ,Jesus-Darstellungen‘ zu präsentieren. 

Stellen wir uns daher nun folgende Situation vor: Wir befinden uns in einer Galerie, in der gegenwärtig verschiedene ,Jesus-Darstellungen‘ ausgestellt sind, die wir nacheinander betrachten und an die wir diese Fragen stellen: Wie ist Jesus von Nazareth dargestellt? Wie verändern sich die Darstellungen über die Zeit? Was sagen die Darstellungen über die jeweilige Zeit aus …?

Die vorliegende Christo-Logie der Geschichte setzt im sechsten Jahrhundert ein und endet Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Nach dem Philosophen Claus-Arthur Scheier weist diese Zeit, die man eben als Onto-Theo-Logie[3]bezeichnen kann, eine trinitarische Struktur auf, das Griechen- und Judentum (Vater*Mutter), die Patristik und Scholastik (Sohn*Tochter[4]) und die Neuzeit (Geist).[5] Deshalb ist diese Zeit besonders ,christologisiert‘. 

Abbildung 1:
Christus-Pantokrator-Ikone
https://de.wikipedia.org/wiki/Christus_Pantokrator_(Sinai)#/media/Datei:Christ_Icon_Sinai_6th_century.jpg (Zugriff am 30.12.2020).
Christus Pantokrator (Sinai)

Zuerst betrachten wir eine Jesus-Darstellung aus dem Katharinenkloster auf der ägyptischen Halbinsel Sinai, die der Zeit der Patristik zuzuordnen ist. Bei dieser Malerei handelt es sich um eine Ikone, die Jesus von Nazareth als Pantokrator, also All- oder Weltherrscher, zeigt. Aus diesem Grund hält er in der linken Hand ein ,Evangeliar‘ und hat die rechte Hand im Segensgestus erhoben. Überdies ist er mit einem goldenen Nimbus abgebildet. Der Nimbus als antikes Attribut für Gottheiten und Kaiser*innen wurde aus der paganen Kunst übernommen und macht deutlich, dass das Christentum im Byzantinischen Reich und in anderen Gebieten weit verbreitet und geachtet ist. Darüber hinaus weist die Ikone bei genauer Betrachtung zwei unterschiedliche Gesichter auf. Auf der linken Seite ist ein junger und trauriger Mann, auf der rechten Seite ein älterer und mächtiger Mann dargestellt. Der Kunsthistoriker Kurt Weitzmann vermutet, dass diese Darstellung auf das Dogma der Zwei-Naturen-Lehre rekurriert.[6]

Abbildung 2:
Salvator mundi (Erlöser der Welt), Leonardo da Vinci, um 1500
https://de.wikipedia.org/wiki/Salvator_mundi_(Gemälde)#/media/Datei:Leonardo_da_Vinci_or_Boltraffio_(attrib)_Salvator_Mundi_circa_1500.jpg (Zugriff am 30.12.2020).
Salvator Mundi

Das nächste Bild mit dem Titel ,Salvator mundi‘ von Leonardo da Vinci, das im Spätmittelalter, der Zeit der Scholastik, entstand, verarbeitet die Ideen der ,Jesus-Darstellungen‘ der Patristik und zeigt Jesus von Nazareth statt mit einem ,Evangeliar‘ mit einer Kugel. Diese symbolisiert die Herrschaft JHWHs über die ganze Welt. Besonders ist die Kleidung, die die Menschlichkeit Jesu von Nazareth betonen soll.

Die beiden Bilder zeigen, dass JHWH zu dieser Zeit als Ursache der Menschen (und der Welt) gedacht wird. Jesus von Nazareth vermittelt wegen der absoluten Transzendenz JHWHs zwischen JHWH und den Menschen. Thomas von Aquin verarbeitet diese Beobachtungen in seinem Werk ,Summa theologiae‘ und legt dar, dass sich die Menschen nach dem biblischen ,Sündenfall von Adam und Eva‘ von JHWH lösen und deshalb erneut Unterstützung durch die Offenbarung JHWHs in Jesus von Nazareth benötigen, um die Menschen wieder zu JHWH zurückzuführen. Das Wissen um JHWH und Jesus von Nazareth ist nach dessen Tod laut Thomas von Aquin vor allem in den Glaubensbekenntnissen und in der Heiligen Schrift formuliert.

Während in der Patristik und Scholastik das Verhältnis zwischen JHWH und Mensch als absolut transzendent gedacht wird, ändert sich dieses Verständnis in der Neuzeit dahingehend, dass die Beziehung zwischen JHWH und den Menschen als ein disjunktives oder dialektisches Verhältnis aufgefasst wird. Meister Eckart schreibt beispielsweise von einer ,mystischen Vereinigung‘, Martin Luther von einer ,innigen Verbindung‘ mit JHWH oder Ignatius von Loyola von einem ,Bewusstsein‘ und einer ,Imagination‘ JHWHs. Die Offenbarung JHWHs in Jesus von Nazareth ist nicht wie beispielsweise bei Anselm von Canterbury (oder wie bei Thomas von Aquin gezeigt) als Tilgung der biblischen ,Sünde Adams und Evas‘ zu verstehen, sondern ereignet sich nach Johannes Duns Scotus als absolute Freiheit und Liebe JHWHs zu den Menschen. Das Heil oder die Erlösung (hierfür gibt es sicherlich noch andere Begriffe!) der Menschen ist außerdem nicht nur von deren Handeln, wie in der Scholastik, sondern von der Vorherbestimmung JHWHs bedingt. Obgleich Immanuel Kant mit dem Kategorischen Imperativ die moralische Vollkommenheit Jesu von Nazareth betont, den Menschen eine Orientierungshilfe für ihr christlich sittliches Handeln gibt und somit eine weitere neuzeitliche Neuinterpretation von Jesus von Nazareth vorlegt, sollen die Überlegungen Immanuel Kants sowie der anderen oben genannten Theologen nicht weiter ausgeführt werden. 

Abbildung 3:
Tetschener Altar, Caspar David Friedrich, um 1807
https://de.wikipedia.org/wiki/Tetschener_Altar#/media/Datei:Friedrich_Tetschener_Altar_1808.jpg (Zugriff am 30.12.2020).
Tetschener Altar

Stattdessen wollen wir uns dem dritten Bild zuwenden, das Bestandteil des Tetschener Altars ist, der gegenwärtig in Dresden aufgebaut ist. Der Altar zeigt ein kleines und verstecktes Kreuz und betont das Kreuz umsäumende Gebirge und Himmelsgewölbe.  Dieses Ölgemälde wurde von Caspar David Friedrich angefertigt und verarbeitet die Christo-Logie Friedrich Schleiermachers, da es nicht Jesus von Nazareth, sondern die Natur akzentuiert. Das Wissen um JHWH ist nach Friedrich Schleiermacher nicht nur objektiv in Jesus von Nazareth offenbart und in der Heiligen Schrift und in den Dogmen dokumentiert, sondern subjektiv in der Welt und im Menschen vermittelt. Jesus von Nazareth erscheint zwar als reales Abbild JHWHs in der Welt, allerdings auch als ideales Urbild in der Welt und im Menschen. JHWH ist somit (dieser Gedanke zeichnet sich bereits bei Ignatius von Loyola ab) in allem zu suchen und zu finden und die Beziehung zwischen JHWH und den Menschen ist mit Gefühlen wahrnehmbar und beschreibbar.

Wir beenden nun unseren Gang durch die imaginierte Galerie und versuchen, die Gedanken zu ordnen und zu bündeln, bevor wir abschließend und kommentarlos zwei weitere ,Jesus-Darstellungen‘ ansehen, die im zwanzigstens Jahrhundert entstanden sind und Jesus von Nazareth merklich anders deuten. 

Zusammenfassend lässt sich Folgendes festhalten: Die Menschen in der Zeit der ,Onto-Theo-Logie‘ denken, dass JHWH im Menschen zu sich selbst kommen will. Der Gedanke, dass sich JHWH nicht nur in Jesus von Nazareth, sondern in jedem einzelnen Menschen offenbart, schält sich mit der Zeit heraus. Allerdings ist es wichtig zu betonen – und das entspricht auch dem Denken aller Theolog*innen dieser Zeit –, dass die Differenz zwischen JHWH und den Menschen, also die Spannung zwischen der Göttlichkeit im Menschen und der Menschlichkeit JHWHs gehalten werden muss, damit JHWH nicht anthropologisiert und der Mensch nicht theologisiert wird.

Kreuzigung

Abbildung 5:
Christus-Übermalung, Arnulf Rainer, 1984
https://www.bildimpuls.de/bildimpulsart/begegnung/ (Zugriff am 30.12.2020).
Begegnung

[1] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Grundlinien der Philosophie des Rechts (Werke 7), Frankfurt 1986, S. 26.

[2] Sicherlich sind auch andere ,Jesus-Darstellungen‘ geeignet, um zu zeigen, wie gewisse Theolog*innen aus der Zeit der ,Onto-Theo-Logie‘ von Jesus von Nazareth dachten.

[3] Gott wird in dieser Zeit als das ,Sein‘ gedacht, das die Welt ordnet. Zum Beispiel bezeichnet Georg Wilhelm Friedrich Hegel Gott als das Absolute und versucht nur mit Begriffen das ,Sein‘ zu bestimmen. 

[4] Mit diesem Begriff spreche ich Jesus von Nazareth nicht sein männliches Geschlecht ab, allerdings verkennt meines Erachtens der Gebrauch der Begriffe Vater/Sohn, dass Gott nicht nur mit ,männlichen‘ Attributen aus gegenwärtiger Perspektive beschrieben werden kann. 

[5] Vgl. Scheier, Claus-Arthur, Nur noch die Spur der Spur? Vom schwierigen Verhältnis des modernen Denkens zur theologischen Tradition, in: Braunschweiger Beiträge für Theorie und Praxis von RU und KU, 100, 2/20021, 45-49, S. 47.

[6] Vgl. Weitzmann, Kurt, The Monastery of Saint Catherine at Mount Sinai, the Icons, S. 15.

Abbildung 1: Christus-Pantokrator-Ikone

https://de.wikipedia.org/wiki/Christus_Pantokrator_(Sinai)#/media/Datei:Christ_Icon_Sinai_6th_century.jpg (Zugriff am 30.12.2020).

Abbildung 2:Salvator mundi (Erlöser der Welt), Leonardo da Vinci, um 1500

https://de.wikipedia.org/wiki/Salvator_mundi_(Gemälde)#/media/Datei:Leonardo_da_Vinci_or_Boltraffio_(attrib)_Salvator_Mundi_circa_1500.jpg(Zugriff am 30.12.2020).

Abbildung 3: Tetschener Altar, Caspar David Friedrich, um 1807

https://de.wikipedia.org/wiki/Tetschener_Altar#/media/Datei:Friedrich_Tetschener_Altar_1808.jpg (Zugriff am 30.12.2020).

Abbildung 4: Kreuzigung, Emil Nolde, 1912

https://de.wahooart.com/@@/9H5RPD-Emile-Nolde-Kreuzigung, (Zugriff am 30.12.2020).

Abbildung 5: Christus-Übermalung, Arnulf Rainer, 1984

https://www.bildimpuls.de/bildimpulsart/begegnung/ (Zugriff am 30.12.2020).

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