Transformationsprozesse von Orden in Deutschland

Pater Philipp, geboren 1981 in Braunschweig, trat nach seinem Kirchenmusikstudium 2006 in Maria Laach ein, legte im Oktober 2011 die feierliche Mönchsprofess ab, beendete 2013 das Theologiestudium und wurde 2015 zum Priester geweiht. Er ist Chordirektor der von ihm gegründeten Cappella Lacensis und künstlerischer Leiter der Laacher Abteikonzerte, arbeitet in der Abtei u.a. als Jugendseelsorger, in der Berufungspastoral und als Küchenchef. Er betreut das tägliche Format „Abendgebet“ bei Internetportal katholisch.de.

Bild: Pater Philipp Mayer OSB

Schwab: Ein Prinzip der Benediktiner ist ,stabilitas loci‘, also Ortsgebundenheit der Mönche an ein bestimmtes Kloster. Weshalb ist für Dich das Kloster Maria Laach ein attraktiver Ort zu leben? Was sind Deine Aufgaben in Deinem Orden? 

Pater Philipp: Ich habe mich für das Kloster Maria Laach entschieden, weil ich eine große Affinität zur Laacher Abteikirche habe, die in ihrer Einzigartigkeit auch wirklich berühmt ist, was mir tatsächlich vor meinem Klostereintritt nicht so bewusst war. Mir war immer klar, wenn ich in ein Kloster gehe, dann muss es ein Ort sein, der nicht städtisch gebunden ist, sonst würde ich zu sehr die Ambivalenz zwischen Stadt und geistlichem Leben spüren. Ich bin Benediktiner, weil das im Gegensatz beispielsweise zu den Franziskanern, Jesuiten oder Dominikanern kein Orden ist, sondern ich in ein ganz konkretes Kloster eintrete. Die Ortsgebundenheit hält mich hier und ich glaube, das kommt dem entgegen, was der Mensch auch in sich trägt, also irgendwann auch anzukommen, wenigstens räumlich. 

Für die Benediktiner ist es wichtig, an einen konkreten Ort zu leben, es dort auch auszuhalten und in dieser konkreten Gemeinschaft Gott zu suchen. Ich komme aus einer großen Chor-Tradition. Chor ist immer eine Gemeinschaftssache. Der Solist geht in der ganzen Chorgemeinschaft unter. Das ist auch so im klösterlichen Leben. Jeder darf hier sein mit seinen Gaben, aber das ganze steht immer im Kontext einer Gemeinschaft. 

In Maria Laach bin ich als Kantor tätig und Chordirektor der ,Cappella Lacensis‘. Das ist ein gemischter Kammerchor, der sich aus jungen Menschen aus dem deutschen Sprachgebiet zusammensetzt. In der Gemeinschaft habe ich tägliche Dienste wie Tischdienst, Lesedienst, Zelebrationsdienst oder Beichtdienst. Aber ich bin auch Küchenchef und muss für die Speisepläne sorgen. In Lockdown-Zeiten habe ich tatsächlich auch sieben Monate für die Gemeinschaft mitgekocht. Dann bin ich für die Berufungspastoral zuständig, Ansprechpartner für junge Menschen, um das Kloster vielleicht kennenzulernen, und die sozialen Medien. Auch meine Aufgabe bei katholisch.de mit dem Abendgebet ist wichtig und ich bin im Kloster für Fundraising zuständig. 

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Theologische Fakultät Freiburg – Quo vadis?

Bild: Jannik Schwab

von links: DDr. Christian Würtz, Bischofsvikar für die Hochschulen und Regens im Collegium Borromäum, Jannik Schwab, Prof. Dr. Prostmeier, Dekan der Theologischen Fakultät Freiburg

Schwab: Die Anzahl an Theologiestudierenden nimmt seit Jahren in Deutschland anhaltend ab und gegenwärtig studieren de jure noch etwas mehr als 600 Menschen an der Theologischen Fakultät Freiburg Theologie. Was sind aus Ihrer Perspektive mögliche Ursachen für diesen Trend und weshalb braucht die Gesellschaft überhaupt noch Theolog*innen?

Prostmeier: Wozu Theolog*innen? Ihre Frage impliziert einen Wandel.  Demzufolge gab es eine Zeit, in der der Bedarf und die Relevanz von Theologie fraglos war. Die westlichen Gesellschaften haben sich aber – so die These – in einer Weise gewandelt, die die Funktion von Theologie als Wissenschaft obsolet erscheinen lässt. Es geht also nicht um Glauben, sondern um die Relevanz der Stimme wissenschaftlicher Theologie in gesellschaftlichen und kulturellen Diskursen. Aus meiner Sicht sind zwei Aspekte wichtig, ein eher innerchristlicher und ein politischer Gesichtspunkt. Kirche kann sich nicht davon dispensieren, die Botschaft Jesu treu zu Geltung zu bringen, ohne aufzuhören, Kirche zu sein. Das ist ein enormer Anspruch an alle Christ*innen. Er muss für jede Generation neu plausibilisiert werden und es bedarf hoher Anstrengung, die Stimme des Evangeliums der jeweiligen Kultur und den Zeitumständen angemessen zur Sprache zu bringen, oder allgemeiner formuliert, zu bezeugen, nämlich im Alltag der Welt. Diese Aufgabe stellt alle in die Verantwortung, jede Christ*in, aber besonders jene, die Verantwortung für und in den Strukturen der Kirche haben. Auch diese gewachsenen Binnenstrukturen bedürfen immer wieder der Plausibilisierung und sind so zu gestalten, dass in den tatsächlichen Strukturen der Welt die Botschaft Jesu treu, das heißt auch angemessen, zur Geltung kommen kann. Das ist eine permanente hermeneutische Aufgabe, um die sich die Theologie und die ganze Kirche mühen müssen, und zwar im Diskurs. Das ist nichts neues, sondern das ist seit den Anfängen der Kirche nie anders gewesen. Aus ihrer Geschichte könnte die Kirche auch ersehen, dass es bisweilen hilft und entlastet, sich dieses dynamische Kirchenkennzeichen bewusst zu machen. Auch aus einer säkularen Perspektive steht der Dienst im Vordergrund. Eine wichtige Funktion der wissenschaftlichen Theologie ebenso wie die der Kirche dürfte darin zu sehen sein, gegenüber den Instanzen des Staates und ebenso gegenüber dem, was in der Gesellschaft als das Machbare, Wünschenswerte und Erstrebte angesehen wird, dem Unverfügbaren Geltung zu verschaffen. Das ist in dieser säkularen Perspektive der Dienst, den wissenschaftliche Theologie und – wenn Sie wollen – die Kirche leisten: Staat und Gesellschaft an ihre eingeschriebenen Grenzen zu erinnern und darauf zu drängen, diese Grenzen um ihrer selbst willen, wegen der Würde eines jeden und zum Wohl der Allgemeinheit, zu respektieren. Vor diesem Hintergrund dürfte klar sein, dass der vorzügliche Diskursraum für eine gesellschaftliche Relevanz wissenschaftlicher Theologie zwar die Praxis der ,universitas‘ ist. Nach dem Verständnis einer modernen Universität und Fakultät ist das aber mitnichten ein selbstgenügsames Dasein im Elfenbeinturm. Vielmehr ist das ein erster wichtiger Schritt, um sich auch darüber hinaus kompetent in gesellschaftliche Diskurse einzumischen und sich zu engeren kirchlichen Belangen zu Wort zu melden. Nun fragen Sie auch, weshalb an unserer Fakultät nur 600 Frauen und Männer immatrikuliert sind. Es ist nur ein schwacher Trost, dass wir damit im bundesdeutschen Vergleich immerhin zu den drei größten Fakultäten für Katholische Theologie zählen, wobei zu bedenken ist, dass einzig in Baden-Württemberg nur die Lehramtsstudierenden für Gymnasium an der Universität sind. Tatsache ist, dass die Studierendenzahlen und die Zahl der Absolventen sinken, übrigens nicht nur in der Theologie, sondern fast in allen geisteswissenschaftlichen Fächern. Die Situation ist ein Spiegel der Relevanz der Geisteswissenschaften in unserer Gesellschaft. In den Theologischen Fakultäten konzentriert sich dieses Bild der allgemeinen Lage wie in einem Hohlspiegel.

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Berufen zum Priester?

Michael Maas studierte in Freiburg sowie München Theologie und wurde 2003 zum Priester der Erzdiözese Freiburg geweiht. Nach der Vikarstelle in Mannheim war er von 2006 bis 2014 Erzbischöflicher Sekretär bei Erzbischof Robert Zollitsch. Seit 2014 ist er Direktor des Zentrums für Berufungspastoral (ZfB) der Deutschen Bischofskonferenz in Freiburg.

Foto: Michael Maas

Schwab: Der Begriff ,Berufung‘ ist gegenwärtig in Äußerungen christlicher Akteur*innen wieder prominent: Was verstehst Du unter dem Begriff ,Berufung‘? 

Maas: Berufung heißt für mich, dass es für jeden Menschen und vor allem auch für uns als Christen in der Taufe eine Berufung gibt, die wir von Gott bekommen. Etwas, was unser Auftrag ist für das Leben, was wir zu entdecken, anzunehmen und alltäglich umzusetzen haben. Das kann viele Facetten haben: Für manche wird das in der Wahl des Berufs deutlich, für andere in der Lebensform, wieder andere engagieren sich in ihrer Freizeit. ,Berufung‘ ist vielschichtig. Für uns Christen ist es entscheidend, dass wir danach fragen, was Gott von uns denkt und wie wir das umsetzen können. 

Schwab: Hat jeder Mensch eine ,Berufung‘?

Maas: Dass jeder Mensch eine Berufung hat, ergibt sich aus der Gewissheit, dass es keinen Ort gibt, an dem Gott nicht gegenwärtig ist – und damit auch keinen Menschen. Wer auf der Suche danach ist, was er mit seinem Leben sinn-voll anfangen kann, der fragt damit unweigerlich nach dem, welche Idee sein Schöpfer von ihm hat – auch wenn das nicht gleich mit Gott verbunden wird. Wir sagen umgangssprachlich, wenn jemand beispielsweise als Ärztin in ihrem Beruf aufgeht, dass sie ihre Berufung lebt. Das gilt auch dann, wenn sie nicht gläubig ist. 

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der christliche Gott und das Leid

Benedikt Rediker studierte katholische Theologie und Anglistik in Freiburg sowie Philosophie in London. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich für Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie an der Theologischen Fakultät in Freiburg und Dozent für Philosophie am Freiburger Orientierungsjahr und promovierte mit einer Arbeit zum Thema „Die Fragilität religiöser Hoffnung. Zur Transformation praktischer Theodizee im Anschluss an Immanuel Kant“.

Bild: Benedikt Rediker

Schwab: In der ,Corona-Pandemie‘ konnte man gut studieren, wie theologisch sprachlos viele kirchliche sowie theologisch-akademische Akteur*innen sind. Weshalb scheuen sich aus Ihrer Perspektive diese, sich zu derartigen Phänomenen zu äußern?

Rediker: Es gibt schon gerade in wissenschaftlichen Kontexten einige Äußerungen sowie Veröffentlichungen zur Corona-Pandemie, die versuchen, sich diesem Problem anzunehmen. Trotzdem würde ich Ihnen natürlich zustimmen. Tatsächlich ist eine grundsätzliche Sprachlosigkeit gerade auch der kirchlichen Akteur*innen in der Öffentlichkeit zu beobachten. Ich denke, dass es hierfür eine Vielzahl von Gründen gibt. Zunächst einmal gibt es in der katholischen Kirche im Moment das Problem, dass man sich in einer großen Systemkrise befindet und deswegen sehr stark mit der Aufarbeitung der eigenen systemimmanenten Probleme beschäftigt ist. Das führt dazu, dass man vielleicht auch die Kapazitäten und die Kraft nicht hat, sich mit der Frage, wie man mit der Corona-Pandemie theologisch umgehen kann, zu beschäftigen. Grundsätzlich glaube ich aber, dass es darüber hinaus auch systematische Probleme gibt, die dazu führen, dass es hier auch theologisch eine gewisse Sprachlosigkeit gibt. Das hat damit zu tun, dass es in der Bewältigung der Pandemie zunächst einmal um ganz pragmatische, technische Fragen geht. Wie können wir einen Impfstoff herstellen? Welche Hygieneregeln haben zu gelten? Wie ist die Beschulung von Schüler*innen zu gewährleisten? Das sind Fragen, für die es in modernen Gesellschaften andere Expert*innen gibt, die das zu regeln haben. Das ist gut so, weil sie einfach die größere Kompetenz in diesen Bereichen haben. Theolog*innen können zu diesen Fragen meistens nicht viel mehr sagen als das, was in anderen Wissenschaften Usus ist. Man muss sich deshalb klarmachen, dass es in Religion um Fragen geht, die auf einer anderen Ebene angesiedelt sind. Es geht um Letzt- und Sinnfragen, also um Fragen, die sich nach dem Sinn des Lebens ausrichten. Das sind Fragen, die natürlich, wenn es um die pragmatische Bewältigung von Epidemien geht, nicht im Fokus stehen oder diese sogar in gewisser Hinsicht behindern können, weil sie eine Unterbrechung schaffen und keine konkreten Lösungen anbieten können. Die Frage, die sich mir stellt, ist nur, ob es nicht ein Problem ist, wenn diese Letzt- und Sinnfragen nicht mehr gestellt werden. Hier sehe ich eigentlich eine große Aufgabe von kirchlichen Akteur*innen und Theolog*innen in der Öffentlichkeit, dass sie diesen pragmatischen Diskurs etwas unterbrechen und nochmal diese Grundsatzfragen stellen, da es ansonsten keine Diskussion mehr darüber gibt, welche grundsätzlichen Werte in der Bewältigung der Corona-Pandemie uns leiten. Geht es darum, möglichst viel menschliches Leben zu retten oder für viele Menschen ein möglichst würdevolles Leben zu ermöglichen? Doch was bedeutet das eigentlich?  Hier hätten kirchliche Akteur*innen die Aufgabe, zu intervenieren und diesen Diskurs voranzutreiben.  Ein Problem war zum Beispiel, wie wir mit den allein sterbenden Menschen in Seniorenheimen in der ersten Corona-Welle umgegangen sind. Das hat man erst sehr spät theologisch reflektiert und kirchliche Akteur*innen haben sich nicht immer klar positioniert. Es scheint mir die Aufgabe von kirchlichen Akteur*innen zu sein, gegen diesen Trend der ausschließlich pragmatischen Bewältigung anzugehen.

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Bubble-Theologien

Die Aufgabe von Theolog*innen ist es, über Gott zu schreiben, zu sprechen, ihn darzustellen und so weiter. Seit Kurzem lässt sich immer wieder gut studieren, dass sich das Theologisieren vermehrt in homogenen ,Bubbles‘ ereignet und man sich scheut, die eigene ,Bubble‘ zu verlassen und somit die eigenen Beobachtungen oder Haltungen auf ein spezifisches Phänomen in Dialog mit anderen Perspektiven zu demselben Phänomen zu setzen. Wenn aber lancierte Theologien belastbar und relevant sein sollen, bietet es sich nach meinem Dafürhalten an, dies zu tun: Warum bemühen sich nicht beispielsweise vatikanische, universitäre oder diözesane Akteur*innen stärker, ihre ,Theologien‘ den (An-)Fragen von (jungen) Menschen, die vielleicht ganz anders sozialisiert wurden, auszusetzen? Ich meine, das wäre wichtig, um die Transformationsprozesse, die die Kirche (auch theologisch) jetzt machen muss, gut zu gestalten.

,Wie christlich leben heute?‘

Marius Fletschinger hat in Freiburg, Rom und Paris katholische Theologie sowie Kunstgeschichte studiert und wurde 2013 zum Priester geweiht. Nach der Vikarstelle in Neckargemünd arbeitet er gegenwärtig als Hochschulseelsorger in der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) in Mannheim und promoviert in Fundamentaltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Bild: Marius Fletschinger

Schwab: Du fertigst gegenwärtig eine Dissertation mit dem Arbeitstitel ,Kontingenz und Stil – Studien zu Motiven und Möglichkeiten heutigen Christseins‘ an. Was verstehst Du unter den Begriffen ,Kontingenz und Stil‘? 

Fletschinger: Kontingenz bedeutet für mich die Einsicht, dass in unserer Welt die Dinge keinem festen Plan folgen. Alles könnte auch nicht sein, alles könnte auch anders sein. Dass die Dinge so sind, wie sie sind, ist zufällig oder geschichtlich entstanden und konstruiert. Mit Dinge meine ich alles, was unser Leben betrifft, inklusive unserer Vorstellungen über die Welt, über uns selbst und über Wahrheit und so weiter. Trotzdem müssen wir uns ja ständig entscheiden und unser Leben irgendwie führen. Das ist für mich Stil. 

Schwab: Was ist Dein Ziel dieses Dissertationsprojekts und was könnten die akademische Theologie und die Institution Kirche von den möglichen Ergebnissen Deines Dissertationsprojekts lernen?

Fletschinger: Welche Strategien gibt es, um in einer Welt, wie ich sie gerade beschrieben habe, trotzdem Entscheidungen zu treffen und irgendwie damit auch zufrieden zu sein? Das ist so grob die Motivation für meine Arbeit. Was bringt die Arbeit der Kirche und der akademischen Theologie? Ich bin nicht der Erste, der so etwas macht. Christoph Theobald hat ein zweibändiges Werk ,le christianisme comme style‘, also Christentum als Stil, geschrieben. Wir haben das gleiche Anliegen und möchten wegkommen von einem Christentum, das bedeutet, den Geboten zu folgen und die kirchlichen Lehren sowie Regeln anzuwenden. Wir beide verstehen das Leben als ein Werk, ein Kunstwerk, das gestaltet werden soll. Wir haben Lust darauf, dieses Leben zu gestalten und künstlerisch als Lebenskünstler tätig zu sein. Ich will ermutigen, mit einer Lust an Kreativität und Eigenverantwortung an das Leben heranzugehen. 

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Um den heißen Brei …

Ich bin nicht der Erste und der Einzige, der dieses Sprachbild gebraucht, um zu beschreiben, welches Problem viele Akteur*innen der katholischen Kirche derzeit haben: Meines Erachtens haben dieselben verlernt, vernünftig und präzise theologische Phänomene zu beschreiben, zu deuten, anzufragen. Stattdessen verstricken sich diese oftmals in inhaltsleeren und beliebigen Phrasen, um sich nicht festzulegen, nicht anfragbar zu sein, sich vielleicht nicht korrigieren zu müssen. Wenn die Theologien der katholischen Kirche gegenwärtig und fortan noch relevant sein wollen, dann scheint mir die aktuelle Strategie kontraproduktiv zu sein: In meiner Wahrnehmung sind viele Menschen in der derzeit zu Ende gehenden Postmoderne daran interessiert, dass gegenwärtige Erkenntnisse klar kommuniziert, kluge Fragen gestellt und Aporien benannt werden. 

Ich werde nun konkret, um nicht auch Teil des Problems zu werden: Ich stelle mir Gott als vollkommen, frei, allmächtig, liebend und beziehungssuchend vor. Wie können diese Eigenschaften Gottes mit dem mannigfaltigen und schmerzlichen Leid auf der Erde verbunden werden? Ich habe hierauf keine Antwort, aber zumindest einmal meinen Diskussionsstandpunkt offen dargelegt und eine herausfordernde Frage lanciert. 

Aufgeben kann man bei der Post

Der Polemik dieses Satzes bin ich mir durchaus bewusst, allerdings eignet er sich gut, um metaphorisch zu beschreiben, welches Ethos ich mir von allen Akteur*innen der katholischen Kirche wünsche: 

Obgleich der gegenwärtige und prognostizierte Zustand der katholischen Kirche, der sich beispielsweise in der Abnahme von Mitglieds- und Weihezahlen, der Nutzung kirchlicher Angebote sowie einem gesellschaftlichen Relevanz- und Ansehensverlust ausdrückt, schwer abzuwenden und schmerzlich ist, scheint es mir wichtig, zu betonen, dass alle Akteur*innen der katholischen Kirche das Ziel ihres Handelns beherzigen: 

Erinnern wir uns, dass alle Christ*innen gesandt sind, das, was sie von der Botschaft Jesu Christi verstanden haben, den Menschen vielfältig und umsonst anzubieten. Dieses Handeln kann – theologisch formuliert – zum Wachstum des Reiches Gottes beitragen. Das Reich Gottes ist eine vage, nicht statische und nicht durch Menschen zu vollendende Größe. Das ist gut so. Das schützt Christ*innen vor Überforderung und Übereifer und kann diese gleichzeitig motivieren, nicht zu resignieren und das Reich Gottes weiter aufzubauen.

Lasst uns also mit Freude und Wagemut die vielfältigen Transformationsprozesse der katholischen Kirche angehen: Vielleicht müssen gegenwärtig alle katholischen Akteur*innen (wieder) lernen, bescheidener, konzilianter und mutiger zu sein.

Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. 1 Tim. 1,7

Patient Priesterseminar – Impulse für eine zukunftsfähige Priesterausbildung

Ich bin weder Seminarist noch Regens eines Priesterseminars. Einige Leser*innen fragen sich jetzt sicherlich, weshalb ich mich dann zur Priesterausbildung äußere: Manchmal ist ein Blick von außen wertvoll, um andere Impulse zu einem Sachverhalt zu erhalten: In diesem Artikel möchte ich angesichts des angemessenen Vorhabens der Deutschen Bischofskonferenz, die Priesterausbildung wegen der anhaltend rückläufigen Weihezahlen umzustrukturieren, vier Kriterien lancieren, die meines Erachtens für eine attraktivere Priesterausbildung wichtig sind:

Dialog statt Monolog

Überraschend kam im Juni 2020 die umstrittene Nachricht über eine mögliche Zentralisierung der Priesterausbildung. So bezeichnete beispielsweise die Vorsitzende des Katholisch-Theologischen Fakultätentages (KThF), Johanna Rahner, die Pläne als „unüberlegt, naiv und politisch unbedarft“.[1] Es ist evident, dass auch eine dezentrale Priesterausbildung den Fortbestand aller theologischen Fakultäten – trotz der Konkordate – nicht sichern würde und die einzelnen Fakultäten andere Konzepte und Strategien generieren müssen, damit Theologie für Studierende weiterhin interessant ist. Dennoch vermisse ich in dieser Debatte neben dem sogenannten ,Limburger Gespräch‘ (ein Dialogformat zwischen ausgewählten Bischöfen und Theologieprofessor*innen) einen konkreten und anhaltenden Dialogprozess der DBK mit Vertreter*innen der einzelnen Fakultäten, um deren Fortbestand sicherzustellen: Die DBK muss sich dafür interessieren und einsetzen, dass auch (nicht nur) Studierende, die andere kirchliche Berufe wie Lehrer*in, Pastoral- oder Gemeindereferent*in anstreben, fortan an vielen Standorten gut ausgebildet werden. Darüber hinaus mangelt es vor allem an einem Dialogprozess beispielsweise mittels einer Studie mit den gegenwärtigen Seminaristen im Propädeutikum und in der Studienphase, die von dieser Zentralisierung unmittelbar betroffen sind. Die katholische Kirche kann nur eine attraktive Arbeitgeberin für angehende Priester sein, wenn sie deren Bedürfnisse und Vorstellungen berücksichtigt.

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Missionieren an der Uni?

FOCUS Missionar*innen im Erzbistum Köln – Ein adäquates und zukunftsfähiges Konzept für die Berufungs- & Hochschulpastoral?

Interview mit Dr. Peter Krawczack, Leiter der Abteilung ,Schulpastoral und Hochschulen‘ im Erzbistum Köln

Dieses Interview ordne ich in einem weiteren Blog-Beitrag ein und würdige es kritisch.

Die Organisation ,Fellowship of Catholic University Students‘ (FOCUS) wurde 1998 von dem US-amerikanischen Theologen Curtis Martin an der katholischen Hochschule in Kansas gegründet und stellt gegenwärtig eine der einflussreichsten US-amerikanischen Bewegungen in der ,Neuevangelisierung‘ dar, denn FOCUS wirkt an 150 Universitäten in den USA.[1] Allerdings ist FOCUS in der Berufungs- und Hochschulpastoral im deutschsprachigen Raum ein neues, aber anhaltendes Phänomen. Seit 2016 sind FOCUS Missionar*innen in Wien und Graz, seit 2018 in Passau, zwischen 2019-2020 in Bonn und seit Kurzem in Düsseldorf tätig, um hauptamtliche Mitarbeiter*innen der,Katholischen Hochschulgemeinden‘ (KHG) in ihrer Arbeit zu unterstützen. Das Ziel der FOCUS Missionar*innen ist es, Student*innen geistlich zu begleiten, Glaubenswissen weiterzugeben und in drei Schritten zu Jünger*innen‘ auszubilden. Diesen Auftrag leiten die Akteure von FOCUS aus dem sogenannten Missionsbefehl‘ (Mt 28,18-20) ab.

Schwab: Ich freue mich sehr, dass Sie, Dr. Peter Krawczack, für ein kurzes Interview zur Verfügung stehen. Sie sind im Erzbistum Köln Leiter der Abteilung ,Schulpastoral und Hochschulen‘ und somit ist Ihnen FOCUS bekannt. Weshalb haben sich die Verantwortlichen im Erzbistum Köln entschieden, mit FOCUS zu kooperieren? Welche Ziele verfolgen Sie mit der Kooperation?

Dr. Krawczack: Die Entscheidung haben Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki in Kooperation mit unserem Leiter der Berufungspastoral, Regamy Thillainathan, getroffen. Im vorletzten Jahr gab es Kontakte von Regamy Thillainathan mit den FOCUS-Missionar*innen. Einerseits will FOCUS in Europa expandieren und freut sich, wenn Bischöfe sie in ihre Bistümer einladen. Andererseits möchte unser Erzbischof gerne den Versuch unternehmen, mit einer stärker evangelisierenden oder missionierenden Art und Weise auf Studierende zuzugehen und ,die Freundschaft mit Jesus Christus oder diese Jünger*innenschaft anzubieten‘. Die Ziele des Pastoralen Zukunftsweges im Erzbistum Köln lassen sich außerdem mit dem Wirken von FOCUS verbinden: Die Pastoral soll stärker evangelisierend sein.

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